Der Anzugsvorteil
Wie viel ist der Anzugsvorteil
eigentlich wert? Diese Frage zu beantworten, ist nicht ganz trivial. Mit einer Datenbank bewaffnet, versuche ich, eine Antwort zu geben.
Um den Spielstärkeunterschied
weitestgehend zu eliminieren, habe ich eine Abfrage über alle
4,2 Millionen Partien erstellt, die mir nur die Partien anzeigt, bei
denen beide Spieler eine Elo von 2500-2550 hatten. Die Suche ergab
ca. 23.300 Partien. Der häufigste Zug war in diesem Auszug 1.
e4. Weiß erzielte damit einen Score von 54,4%. Mit 1. d4
konnten die Weißspieler 55,3% der Punkte erzielen. Die dritt
und viert häufigsten Züge erzielten einen Score von ca.
53,3%. Ist damit schon ein Anzugsvorteil von 4% ermittelt? Vielleicht ist dieser Schluss voreilig!?
Schauen wir uns die schwarzen
Antwortzüge an, so wird deutlich, dass Schwarz auf diesem
Spielniveau die Statistik mit seinem ersten Zug nicht wesentlich zu
seinem Gunsten verbessern kann. So erzielen die häufigsten
Antworten auf 1. e4, dies sind die Antwortzüge c5, e5 und e6,
54-55% Ergebnisse für Weiß. Erst die etwas exotischeren
Eröffnungen konnten das Ergebnis aus schwarzer Sicht verbessern. So erzielt Caro-Kann gute 51,7%. Auf 1. d4 verhält es sich genauso. Erst
der fünft häufigste Zug, 1. ... f5 - Holländische Verteidigung, erbringt eine Verbesserung des Resultats auf 51,8%.
Dass die selteneren Eröffnungszüge tatsächlich bessere
Ergebnisse erzielen, lässt sich aber angesichts der geringen Partienanzahl nicht signifikant nachweisen.
Sind diese Ergebnisse nun
allgemeingültig oder nur für das gewählte Spielniveau
aussagekräftig? Dieser Frage bin ich mit erneuten
Datenbankabfragen nachgegangen. Die Ergebnisse habe ich in der
folgenden Tabelle dargestellt.
Elo | Partien | 1. e4 | 1. d4 | 1. c4 | 1. Sf3 |
2650-2700 | ca. 3000 | 55,6% (1400) | 53,9% (1300) | 54,6 (200) | 53,8% (200) |
2500-2550 | ca. 23300 | 54,4% (9700) | 55,3% (8600) | 53,5% (1900) | 53,1% (2600) |
2200-2250 | ca. 30500 | 53,9% (14900) | 54,0% (9800) | 52,6% (2100) | 54,4% (2600) |
1900-1950 | ca. 3800 | 52,0% (2000) | 52,3% (1100) | 52,9% (200) | 55,9% (300) |
1600-1650 | ca. 1900 | 52,3% (1100) | 52,7% (500) | 54,9% (100) | 47,2% (100) |
1300-1350 | ca. 700 | 55,3% (500) | 38,5% (100) | 61,3% (<50) | 38,9% (<50) |
Die Analyse zeigt, dass die Ergebnisse
recht konstant sind, so lange die Datenbasis ausreichend groß
ist. Bei mehr als 500 gespielten Partien sind die Ergebnisse ziemlich
konstant und bestätigen die anfangs geäußerte
Vermutung von ca. 4% Anzugsvorteil Dieser Vorteil entspricht ungefähr
einem Elo-Vorteil von 25 Punkten.
Des weiteren zeigt die Analyse, dass es
ein Irrtum ist, dass mit fallender Spielstärke irgendwann sich
der Anzugsvorteil in einen Nachteil wandelt. Die oft gehörte
Begründung hierfür ist, dass Spieler mit geringer
Spielstärke sich in ihren Eröffnungen mit den schwarzen
Steinen besser auskennen als mit den weißen Steinen. Das scheint wohl nicht der Fall zu sein!?

Anzugsvorteil
Rowson in "Schach für Zebras" hat den Anzugsvorteil so beschrieben (und an beispielen erläutert):
1. Weiß hat die Chance auf ein "Ass" (z.B. starke
Eröffnungsneuerung), er hat mehr Kontrolle über Tempo
und Richtung des Partiegeschehens.
2. Weiß beginnt die Partie mit einer gewissen Initiative,
dies ist aber mehr ein psychologischer als ein
positioneller Vorteil.
3. Manche Spieler können den Anzugsvorteil für ein
kraftvolles "Serve-und-Volley-Schach" nutzen. Dabei wird
der Schwarze aus einer Kombination aus umfassender
Vorbereitung und mutigen Angriffsspiel überwältigt.
4. Wenn der Weiße ein Remis will, ist es für Schwarz oft
nicht leicht dem aus dem Wege zu gehen.
Gruß
Jens-Uwe
Schach für Zebras
Hi Jens,
habe von dem Buch auch schon viel gutes gehört! Werde es mir wohl auch mal genauer ansehen müssen!?
Was Rowson schreibt hat sicherlich Hand und Fuss, die nackten Zahlen sehen aber weniger überzeugend aus, als Rowson sie interpretiert. Wie auch immer, ich hätte auch lieber Weiß!
Gruß,
Stefan
Anzugsvorteil
In "Schach für Zebras" gibt es noch ein weiteres Kapitel zum Thema Anzugsvorteil mit dem klangvollen Namen "Der Vorteil von Schwarz". Dort setzt sich Rowson mit den Ansichten von A. Adorjan auseinander. Dieser verfolgt einen spieltheoretischen Ansatz und kommt zu dem allseits bekannten " Black is O.K."
(Witzig: Adorjan behauptet, dass in den meisten Eröffnungsbüchern, in denen eine Variante mit Ausgleich angegeben wird, in Wirklichkeit Schwarz schon leichten Vorteil besitzt.)
Rowson schlussfolgert u.a. ,dass der vermeintliche Vorteil von Weiß auch eine Art Verpflichtung darstellt, auf Sieg zu spielen, und genau das kann Schwarz oft zu seinem Gunsten nutzen.
Die Tatsache, dass Weiß vor Schwarz zieht, liefert dem Schwarzen außerdem oftmals nützliche Informationen. Er kann von diesen Informationen Gebrauch machen, wenn er sich flexibel aufstellt, d.h. gute Eröffnungen spielt, wie z.B. Sizilianisch.
Rowsons letzte Schlussfolgerung ist: "Weiß hat die Initiative, aber deshalb noch lange keinen Vorteil" (?!)
Alles in allem ein sehr interessantes Thema!
Gruß
Jens-Uwe
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