Lasker gegen Tarrasch - WM-Kampf 1908

Zur Rezension bestellt hatten wir Tarraschs Bericht über seinen WM-Kampf 1908 gegen Lasker - es ist der vierte Band der von Jens-Erik Rudolph neu aufgelegten Schachklassiker-Reihe. Lasker und Tarrasch gehörten Ende des 19. Jahrhunderts zu den führenden Schachmeistern. Ihre etliche Jahre fortwährende, besondere Rivalität wurde wahrscheinlich schon 1892 zementiert als Tarrasch das Angebot des aufstrebenden Laskers zu einem Zweikampf ausschlug. Seine Begründung - Lasker solle erstmal ein großes Turnier gewinnen, bevor er ihn herausfordere - trug maßgeblich zu dem komplizierten Verhältnis der beiden Meister bei. Nur zwei Jahre später nutzte Lasker die Chance, Steinitz zu einem Kampf um die Schachweltmeisterschaft heraus zu fordern. Er gewann das Match, danach gingen sich beide Schachmeister über Jahre aus dem Weg.

Von 1892 bis 1908 spielten die beiden führenden Schachspieler jener Zeit nur zwei Partien gegeneinander, von denen jeder eine gewinnen konnte. Das Interesse der Schachöffentlichkeit an einem Match war aber riesig. Die dem Wettkampf vorgelagerten schwierigen Verhandlungen zogen sich über mehrere Jahre hin. Aber 1908 waren alle Details sowie alle finanziellen Dinge geklärt, das WM-Match über 8 Gewinnpartien konnte beginnen.

Das vorliegende Buch schildert diesen Wettkampf aus Sicht eines der Akteure. Es wurde von Tarrasch kurz nach dem Match verfasst. Vor der Neuauflage des Originals wurde Tarraschs Wettkampfbuch einer gründlichen Überarbeitung unterzogen. So wurde zum Beispiel die Notation der Partien auf eine figurine Darstellung geändert und zusätzliche Diagramme eingefügt. Offensichtliche Fehler in der Notation wurden behoben. Die Texte wurden bei der Überarbeitung nicht verändert. Der Zweispalten-Druck des Reprints ist optisch sehr gut gelungen und lässt sich angenehm lesen.

Dass das uns vorliegende Exemplar ein Paperback ist, empfinde ich persönlich als nicht angemessen für einen Schachklassiker. Das Paperback Format kommt natürlich dem Preis zugute, welcher mit 14,90 EUR als moderat bezeichnet werden kann. Dennoch würde ich mir wünschen, dass man eine Wahlmöglichkeit zw. Paperback und Hardcover hätte. (beim 5. Band über Paul Morphy gibt es diese Wahlmöglichkeit).

Tarraschs Art zu schreiben begeistert seit über 100 Jahren. Er war ein prinzipienfester, schon fast dogmatischer Schachspieler. Auch in diesem Buch gelang es dem "Lehrmeister Deutschlands" auf zeitlose, sehr anschauliche Art, Schachwissen an Hand seiner Prinzipien zu vermitteln. So gesehen ist dieses Buch für Schachanfänger sehr empfehlenswert. Auf der anderen Seite sind natürlich viele seiner Ansichten aus heutiger Sicht relativiert worden, was dem erfahrenen Schachspieler häufig ein Schmunzeln abverlangt, einen Anfänger aber eventuell verunsichern kann.

So mag man seine Äußerung bezüglich der Abtauschvariante im Spanier - "wenig interessant" - noch als persönlichen Geschmack verteidigen, aber spätestens seine Ablehnung der französischen Verteidigung - "ich bin geneigt, die französische Verteidigung heute nicht mehr zu den korrekten zu zählen" - ist aus heutiger Sicht falsch. Kritisch vorhalten kann man dies einem 100 Jahre altem Buch wohl kaum!

Was man dem Autor schon eher anlasten sollte, ist seine fehlende Objektivität. Ein Buch, geschrieben von einem der Protagonisten, bietet nicht nur die Chance auf besonders tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der Spieler, es birgt auch immer die Gefahr, dass der Autor auf Grund mangelnden Abstandes es an Objektivität fehlen lässt. So ging der Wettkampf trotz des deutlichen Ergebnisses auf Grund kleinerer Ungenauigkeiten und etwas Pech verloren (laut Tarrasch). Das Ergebnis spiegelt seiner Meinung nach nicht korrekt wieder, dass beide Gegner auf Augenhöhe miteinander gespielt hatten und eigentlich er es war, der die Akzente setzte.

Dennoch bietet dieses Buch wertvolle Einblicke in einen äußerst spannenden Schachwettkampf des frühen 20. Jahrhunderts. Tarraschs Schilderungen der Atmosphäre, des Spielgeschehens, seine Partieanalysen sind sehr unterhaltsam und spannend. Der Großteil seiner schachlichen Ansichten ist auch heute noch zutreffend und lehrreich. Schaut man über die menschlichen Schwächen Tarraschs hinweg, bleibt ein lehrreiches Schachbuch, ein Klassiker, übrig.

Den Abschluss des Buches bildet eine ausführliche, sehr lehrreiche Analyse des Turmendspiel der 15. Wettkampfpartie.

Diese Buch, wie hoffentlich auch der gesamte Rest der Schachklassiker Reihe, ist eine uneingeschränkte Kaufempfehlung für jeden historisch interessierten Schachspieler!




Autor: Dr. Siegbert Tarrasch
Titel: Der Schachwettkampf Lasker - Tarrasch

ISBN: 978-3-941670-03-7
Jens-Erik Rudolph Verlag
2009, 125 Seiten
Paperback, deutsch

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Schachklassiker

Hallo liebe Schachfreunde,

natürlich habe ich mich sehr gefreut, als ich von der hiesigen überraschenden Rezension meiner neuen Buchreihe erfahren habe.

Ich werde mich übrigens bemühen, zukünftige Bände in zwei Versionen anzubieten (Paperback und Hardcover). Für Band 6 ist diese Auswahlmöglichkeit bereits fest eingeplant!

Für weitere konstruktive Hinweise bin ich immer dankbar.

Viele Grüße,
Jens-Erik Rudolph
(Herausgeber der Schachklassiker)

Bild von ChessCoach

Hardcover

Hi Jens,

schön zu sehen, dass Du Dich für zwei Versionen entschieden hast! Auf jeden Fall ein Gewinn für Deine Kunden und schön, wenn Du davon auch noch profitieren solltest - eine klassische win-win-Situation. Ich drücke Dir die Daumen!

Gruß,
Stefan

Schachklassiker

Andreas Albers hat in Schach 2/2010 ebenfalls die neue Schachklassiker - Reihe sehr positiv bewertet.

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